Mit den Augen meiner Schwester - Julie Cohen

Liebesromane mit Witz, Sarkasmus und starken Frauen

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Mit den Augen meiner Schwester - Julie Cohen

Beitragvon patwelli » 30.01.2013, 17:10

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Mit den Augen meiner Schwester: Roman
Julie Cohen
Diana Verlag 2012-05-09 Taschenbuch 496 Seiten

OT: Getting away with it

Klappentext:

Als Kind konnte Liza Haven es kaum erwarten, ihrem beschaulichen Heimatort Stoneguard zu entfliehen. Lange war sie schon nicht mehr dort - seit jenem schrecklichen Weihnachtsfest, als die Mutter Lizas Schwester Lee zu ihrer Nachfolgerin in der familieneigenen Eiscreme-Manufaktur bestimmte. Als Liza nun nach Jahren in Amerika nach England zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihre scheinbar perfekte Schwester sich aus dem Staub gemacht hat. Unbeabsichtigt schlüpft sie in Lees Rolle und erkennt, dass deren Leben nicht so leicht und sorgenfrei ist, wie sie immer angenommen hatte. Ihren kleinen Heimatort hingegen findet sie gar nicht mehr so übel - Lees festen Freund Will übrigens auch nicht ...Quelle: Diana

Meine Meinung:

In Lizas Augen hat Lee einfach das bessere Leben. Obwohl nur zwanzig Minuten nacheinander geboren, liegt doch ein ganzer Tag zwischen den Zwillingen Liza und Lee. Die eine vor Mitternacht, die andere nach Mitternacht – und genauso unterschiedlich wie ihre Geburtsdaten sind auch die Charaktere. Lee ist die Vernünftige, die Verlässliche, die Tochter, die die Ehre hat, die Eisfabrik ihrer Mutter weiterzuführen. Außerdem ist Lee ein geachtetes Mitglied in der Dorfgemeinde, sie organisiert und ist einfach unersetzlich für alle. Organisiert bis ins kleinste Detail hat sie natürlich auch ein perfekt aufgeräumtes kleines Haus. Lediglich Kinder und ein Ehemann fehlen ihr noch zum Glück, aber mit dem Dorfadeligen Will, der mit seinem Vater in einem Herrenhaus hoch über dem Dorf Stoneguard thront, ist sie auf einem guten Weg. Schon als Kind konnte Liza da nicht mithalten, also versucht sie es erst gar nicht und rebelliert gegen alles. Möglichst alles ins Lächerliche ziehen und nur nie das machen, was von einem erwartet wird. Was sie mit ihren Aktionen allerdings ihren Mitmenschen zumutet, sieht sie überhaupt nicht, in ihrem Egoismus ist ihr das eh alles Egal. Gerade volljährig verlässt sie Stoneguard, da sie dort ja sowieso niemand leiden kann und wird Stuntfrau, wo sie ihren Egoismus gnadenlos auslebt. Doch nachdem sie schuldhaft bei einem verunglückten Stunt einen Ferrari schrottet, wird sie schwer verletzt und bekommt auch nach ihrer Genesungszeit erst einmal keinen Job mehr, wobei ihr zusätzlich auch noch die Psyche einen Strich durch die Rechnung macht. Sie hat nun keine Ausrede mehr, zum Wohltätigkeitsfest ihrer Schwester zu erscheinen, welches sie organisiert hat. Aber als Liza eintrifft, ist Lee verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Da eh alle Welt Liza für Lee hält, schlüpft sie ohne groß nachzudenken in die Schuhe ihrer Schwester, nur um ihr Fest zu retten. Als Lee aber am Tag danach immer noch nicht auftaucht und ihr nur kryptische Nachrichten hinterlässt, dass sie eine Auszeit braucht, spielt Liza die Rolle noch ein bisschen weiter, um Lees Ruf zu retten. Sie wollte sowieso schon immer mal die Gute sein, diejenige, der man zutraut, eine Eisfabrik zu führen und ihre demenzkranke Mutter zu beaufsichtigen. Schnell muss sie allerdings feststellen, dass Lees Leben gar nicht so einfach ist, wie sie immer dachte. Als dann auch noch Will, Lees Freund, mit ihr Zeit verbringen will, gerät sie schnell in eine Zwickmühle. Denn Will ist äußerst nett, humorvoll und attraktiv, bisher der einzige Mann, mit dem sich Liza eine Beziehung vorstellen könnte.

Anfangs strapaziert Liza ziemlich die Nerven der Leser. Total egoistisch haut sie einfach ab und lässt Lee mit ihrer demenzkranken Mutter und der Eisfabrik zurück, jammert ständig rum, dass sie in Stoneguard ja eh keiner leiden kann. Dass es aber ihr Verhalten ist, welches die Leute so denken lässt, darauf kommt sie natürlich nicht. Auch ihr Unverständnis dem geschrotteten Auto gegenüber, was sie ja fast mit einem Schulterzucken abtut, war sehr überheblich und egoistisch. Verständlich, warum sie in Lees Leben geschlüpft ist, wollte sie doch nur einmal von allen gemocht werden. Man erkennt nach und nach, was für ein verletzliches Wesen unter der nach außen hin harten Schale steckt, da sie von der Mutter nie Anerkennung bekam, hatte sie nie eine andere Wahl als die Rebellion. Wie immer in solchen Fällen erkennt Liza, dass selbst in den Augen anderer scheinbar perfekte Leben so ihre ganz eigenen Makel haben können. Ausgerechnet Liza, die meistens sorglos in den Tag lebte, muss sich nun mit einem vollgepackten Terminplaner herumschlagen. Charmant löst sie viele für sich aufkommende Probleme, was wiederum beweist, dass Sachen genausogut auf verschieden Arten erledigt werden können. Die Wandlung zum verantwortungsvollen Menschen geht langsam und behutsam vonstatten, irgendwann überzeugt Liza in ihrer Rolle, so dass man das Buch mit Genuss zu Ende liest, bei dem Liza noch einmal all ihre Stuntfähigkeiten beweisen darf.

Mit Liza und Lee hat die Autorin sehr realistische und authentische Charaktere geschaffen, denen man ihre innerliche Zerrissenheit abnimmt. Gefangen in ihrem jeweiligen Leben, welches nur zu einem Teil ihrem Willen entspricht, sind sie auf der Suche nach dem, was die Andere hat und nun vermeintlich besser ist. Aber wie das im Leben so ist, hat jede Seite auch ihre Schattenseite. Beide werden nicht auf einmal zu anderen Menschen, im Gegenteil, ihre Wandlung und ihre Erkenntnisse gehen schleichend voran, bis zum Schluß bleiben ihre dominanten Charaktereigenschaften konstant. Aber auf eine eindringliche und stellenweise auch recht witzige Art zeigt Julie Cohen, wie wichtig es ist, alles von zwei Seiten zu sehen. Vor allem auch, nicht immer nur in eingefahrenen Bahnen zu denken und zu lenken, sondern auch ruhig mal zu teilen, Gefühle, Verantwortung und vor allem Freundschaft.

Fazit

Zwar hat Julie Cohen den Plot nicht neu erfunden, den gibt es mit Sicherheit schon einige Male. Aber sie hat es geschafft, in Mit den Augen meiner Schwester, sympathische und authentische Charaktere zu erschaffen, die selbst in den kleinsten Rollen äußerst glaubwürdig wirken. Besonders die Bewohner des Dorfes sorgen für Heiterkeit - und auch der adelige Will, eigentlich Lees Freund, ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel ehrlicher es doch wirkt, wenn man mal die Fassade lüftet und auch mit hässlichen Wahrheiten nicht hinterm Berg hält.

Von mir gibt es gute 4 von 5 Punkten - Liza war mir anfangs doch zu egozentrisch.

LG
Patty

:stern
Meine verwendeten Bilder habe ich entweder selbst erstellt oder sie kommen von dieser Seite

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