Ann Westphal - Seine einzige Versuchung

Liebesromane, die in der Vergangenheit spielen und in keine andere Kategorie passen

Moderatoren: mallory, Mondfrau, gini

Ann Westphal - Seine einzige Versuchung

Beitragvon mallory » 07.10.2015, 16:32



Inhalt: Preußen im Jahr 1890 - eine Zeit prüder Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Zwänge. Die junge Elli von Benthin steht vor dem Scherbenhaufen ihrer erst unlängst geschlossenen Ehe: Ausgerechnet sie, die zum Ärger ihrer geltungssüchtigen Mutter bislang keinen Wert auf ein Leben mit einem Mann legte, hat sich in den fünfzehn Jahre älteren Julius von Benthin verliebt und in die Heirat mit ihm eingewilligt. Er scheint ihre Gefühle zu erwidern - bis zum Abend nach der Trauung. Plötzlich verhält sich der frischgebackene Ehemann seltsam distanziert. Warum stürzt er sich wie ein Besessener in seine Arbeit und entfernt sich immer mehr von Elli? Und was hat es mit seinen geheimnisvollen Kontakten zu anderen Frauen auf sich? Da tritt der attraktive Richard Kabus in Ellis Leben. Mit seinem unwiderstehlichen Charme bringt er die Gefühle der verunsicherten Frau immer stärker ins Wanken …

Meine Meinung: Dieser Roman ließe sich am besten mit "Szenen einer Ehe" überschreiben. In sehr gefälliger, geschliffener Sprache, ohne mir aufgefallene Grammatik- oder sonstige Fehler, beschreibt die Autorin, wie eine Ehe an der Prüderie und Sprachlosigkeit jener Zeit beinahe zerbricht. Dabei wird im Prolog bereits scheinbar verraten, was passierte, doch dann erinnert sich Elli von Benthin zurück und so wird im Wechsel von Elli und Julius von Benthin sowohl das Kennenlernen als auch das folgende Jahr nach der Hochzeit beschrieben. Da man mehr aus der Sicht von Elli erfährt - bzw genau wie sie nicht erfährt - ist es absolut nachvollziehbar warum Elli zu dem Schluss kommt ihr Mann liebe sie nicht, habe andere Frauen und sie nur aus politischen Gründen geheiratet. Die absolut unschuldige Elli, die von ihrer prüden Mutter nicht einmal so weit aufgeklärt wurde dass ihr klar wäre dass ihre Ehe nie vollzogen wurde, ist durch den scheinbaren Liebesentzug ihres Mannes schließlich ein leichtes Opfer für den charmanten aber hinterhältigen Verführer Richard Kabus.
Man könnte Julius von Benthin leicht für einen "kalten Fisch" halten, wenn die Autorin nicht auch zwischendurch aus seiner Sicht schreiben würde. Und in diesen Kapiteln ist der Mann einfach nur zum Niederknien und leidet ganz erbärmlich unter seiner Unfähigkeit, seine Ehe zu retten. Erst als es zum Eklat kommt wird klar, warum er sich so von seiner jungen Frau zurückgezogen hat.

Ann Westphal gelingt es ganz hervorragend, die Prüderie und Scheinheiligkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebendig zu machen. Eine Zeit in der schon ein Streicheln der Finger als erotische Berührung galt und in der von anständigen Frauen erwartet wurde, im Ehebett nur zu dulden und keinesfalls Vergnügen am Sex zu haben. So schafft sie es tatsächlich, Sinnlichkeit in für uns so harmlose Berührungen wie einen Handkuss oder in ein leise ins Ohr geflüstertes Wort zu legen. Zwischendurch hat das Buch immer mal wieder ein paar Längen, sei es bei der Werbung von Julius um Elli oder auch während des Ehejahres in dem alles nahezu in die Brüche geht. Doch diese sind vernachlässigbar. Der Schreibstil ist so gut und die Personen so lebensecht und liebenswert dass mich diese Längen nicht weiter gestört haben. Was mich wirklich störte war allerdings, dass die Autorin nicht zum Ende kam! Ja, es gibt ein Happy End und ja, die beiden vollziehen auch irgendwann endlich ihre Ehe. Allerdings fand ich es völlig unnötig zu lesen wie Julius seiner Frau praktisch jede Stellung beibringt und ihr all ihre anerzogenen Hemmungen nimmt. Die Autorin schreibt zwar im Nachspann, dass sie versucht habe ein Sittengemälde der damaligen Zeit mit der Erotik unserer Zeit zu verbinden doch hier wäre m.E. weniger mehr gewesen! Die ersten ein, zwei Szenen waren noch sinnlich, erotik, prickelnd. Doch dann gab es über zig Seiten nur noch Sex. Ich fragte mich immer was denn nun noch an Handlung kommen könnte, was eigentlich aus dem verkappten Liebhaber geworden sein könnte und wann die Autorin jetzt endlich zum Ende der Geschichte kommt. Ich war eigentlich überzeugt, das Buch habe ca. 500 Seiten und war ganz erstaunt als ich dann feststellte dass es tatsächlich nur 345 Seiten sind!

Fazit: Eine hervorragend geschriebene Geschichte die zu zwei Dritteln mit unterschwelliger Sinnlichkeit auskommt, beschreibt wie die Ehe von zwei sich Liebenden beinahe an der Sprachlosigkeit und Prüderie ihrer Zeit zerbricht und die durchaus auch spannende Momente hat. Aber die im letzten Drittel unnötig viele Sexszenen aufweist. Gut geschrieben, ohne Zweifel, doch für mich weder zur Art des Romans passend noch nötig. Wer den ganzen ersten Teil über ständig den Sex vermisste wird über den zweiten Teil vermutlich glücklich sein, für mich war es einfach unnötig viel und hat die Handlung ungewünscht auseinander gezerrt und mich irgendwann nahezu gelangweilt.
Der endgültige Epilog ist dann ganz nett, doch auch hier wird wieder eine unnötige Sexszene eingefügt.

Meine Wertung:

4,5 von 5 :lesen

:stern
Etwas Muße braucht der Mensch, eine Blume und ein Buch.
Else Pannek (1932-2010)
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