Sharon Griffiths - Zeitreisen für Anfänger

Eine Reise durch Zeit und Raum im Liebesroman

Moderatoren: mallory, Mondfrau, gini

Sharon Griffiths - Zeitreisen für Anfänger

Beitragvon patwelli » 04.11.2009, 22:13

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Zeitreisen für Anfänger
Sharon Griffiths
Scherz 2009-07-07 Broschiert 415 Seiten

OT: The accidental Time Traveller

Inhalt:

Rosie Harford soll für ihre Zeitung über den Schauplatz einer neuen Doku-Fernsehserie berichten, fällt in Ohnmacht und befindet sich beim Aufwachen plötzlich in den fünfziger Jahren. Offenbar ist sie eine ahnungslose Kandidatin dieser Reality-Show… was Rosie für Kulisse hält, entpuppt sich jedoch bald als echt: leben und arbeiten ohne Computer, Handy, Internet. Als sie auch noch ihren Freund Will trifft, der jetzt allerdings mit ihrer besten Freundin verheiratet ist und bereits drei Kinder hat, bricht für Rosie die Welt, aus der sie kommt, zusammen… Quelle: Scherz

Meine Meinung:

Warum erwacht Rosie wieder in den 50ern und nicht in einer anderen Zeit? Alles beginnt, als Rosie Margaret Turnbull in einer alten Siedlung, The Meadows, für ihre Zeitung interviewen will. Sie wird ohnmächtig, und als sie erwacht, ist alles um sie herum wir vor 60 Jahren. Die Mode, die Häuser, die Lebensmittel – selbst die Umgebung und Landschaft ist wieder ursprünglich. Ein gelungener Coup einer TV Produktion? Langsam dämmert es Rosie, dass sie sich tatsächlich im Jahre 1950 befindet und nicht in einem Fünfziger Jahre Haus, von Kameras beobachtet. Vorsichtshalber lächelt sie aber ständig, sie könnte ja doch beobachtet werden.

Sie beginnt, bei ihrer Zeitung The News, die es damals schon gab, als eine der wenigen Frauen zu arbeiten und lernt sehr schnell, dass damals so etwas wie Emanzipation und Belästigung am Arbeitsplatz überhaupt keine Rolle spielt. Eine Frau kocht den Tee, weil sie eine Frau ist, und anzügliche Bemerkungen sind an der Tagesordnung. Aus einer Bar wird sie hinausbefördert, man ist ein anständiges Haus, da sind Frauen ohne Begleitung nicht erwünscht. Sehr schnell lernt sie aber, sich anzupassen, auch wenn sie manchmal noch kopfschüttelnd belächelt wird, wenn sie mal wieder etwas von Computer oder Internet faselt. Oder eine der anderen komischen Ideen, die ihr als Amerikanerin ja so geläufig ist, im ländlichen und altmodischen England aber noch lange nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Vor ihrer Zeitreise hatte Rosie einen Streit mit ihrem Freund Will, deshalb ist sie sehr geschockt, als sie Will in der Gestalt von Billy wieder findet. Aber er erkennt sie nicht, fühlt sich aber sehr zu ihr hingezogen. Dabei ist er doch verheiratet, und eine Scheidung kommt damals nicht in Frage. Rosie jedoch hätte ihn sehr gerne wieder, das lässt sie ihn auch oft spüren. Kann ihr beider Gewissen ihre Gefühle in Schach halten? Immerhin mögen beide Carol, seine Frau, sehr gerne.
Die Schilderungen der 50er Jahre sind sehr detailgetreu und anschaulich. Man fühlt fast die kratzige Unterwäsche auf dem eigenen Leib und stellt mit Erschrecken fest, was sich eigentlich mittlerweile schon alles verändert hat – und nicht immer zum Besseren. Es ist ein Innehalten in unserer schnelllebigen Zeit, man war damals nicht ständig erreichbar und konnte mangels Maschinen auch nicht mehrere Dinge auf einmal erledigen. Die Zeit verlief damals einfach behäbiger und ruhiger, das Arbeitsleben war nicht so hektisch und auch die Freizeitmöglichkeiten sehr eingeschränkt, besonders wenn man wenig Geld hatte.

Für Rosie natürlich sehr verblüffend, wie ihre Mitmenschen doch auffallend ihren heutigen Freunden ähneln, sie erkennt viele Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen wieder, auch wenn die Lebensumstände ihrer Freunde hier andere sind. Aber auch da finden sie sich aufgrund ihrer Charaktereigenschaften in ihrem anderen Leben zurecht, wenn auch manchmal auf ungewöhnliche Art und Weise. Es ist erstaunlich, wie sehr einen doch die Umwelt und die Lebensumstände prägen, Intelligenz und Charakter aber gleich bleiben können.

Will Rosie wirklich Billy ihrer Freundin ausspannen? Ihr beider Fleisch ist schon willig, aber meistens siegt doch der Verstand. Billy und Carol haben wenig Geld, eine Scheidung würde sie beide ruinieren. Von der Moral mal ganz abgesehen, ist das wirklich die Rosie, die wir kennen gelernt haben, die den Mann ihrer Freundin begehrt? Heimliche Blicke und ein heimlicher Kuss – wo wird ihr Verhalten sie wohl hinführen?

Durch ihre Zeitreise lernt Rosie aber auch wieder, auf ihre Gefühle zu vertrauen und zu verstehen, was für sie wichtig im Leben ist. Sie lernt zwischen Karriere und Freiheit zu unterscheiden, und vor allem, ihre wahren Gefühle auszusprechen und nicht nur das zu sagen, was sie glaubt, was andere von ihr hören wollen. Das Ende zieht sich leider ziemlich hin, es passiert nicht viel und so einige Fragen bleiben leider ungeklärt. Rosie entdeckt in ihrer heutigen Zeit viele Personen wieder, sie entdeckt, was aus ihnen geworden ist und wer ihre Nachkömmlinge sind. Die Auflösung ist recht originell, ein bisschen Phantasie bleibt aber dem Leser überlassen.

Negativ fällt allerdings das Preis/Leistungsverhältnis auf. Der Sinn einer Klappenbroschur erschließt sich mir einfach nicht, außer dem Leser mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Man kann die Klappen noch nicht einmal als Lesezeichen benutzen. In der Mitte fällt es einfach auseinander, Leseknicke lassen sich im Buchrücken nicht verhindern. Und das, wo ich schon 40 Jahre Leseknickefrei lese - ich konnte es wirklich nicht verhindern. Bücher werden wieder zu Luxusgegenständen, und relativ unbekannte Autoren werden es bei diesen Preisen schwer haben, die gebührende Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei dem Preis kauft man nicht einfach mal eben ein Buch – und schon gar nicht in dieser Qualität, die nicht wesentlich besser als ein normales Taschenbuch ist – dafür aber doppelt so teuer.

Fazit

50er Jahre-Feeling und Lebensumstände, an die man sich heute kaum noch erinnert, prägen dieses Buch. Rosie ist eine sympathische Protagonistin, mit viel Mut und Witz passt sie sich den ungewöhnlichen Umständen recht schnell an. Leider plätschert das Buch dann doch etwas vor sich hin, das Ende kommt einem unendlich lange vor, in dem einfach nichts passiert. Um eine Zeitreise zu begehen ist es genau richtig, denn es vermittelt sehr gut das Gefühl, wie es war, eine Frau in einer veralteten Welt mit wenig Technik und hohen Moralvorstellungen zu sein.


Wegen der teilweisen Ereignislosigkeit und des langatmigen Schlusses gibt es von mir nur 3,5 von 5 Punkten - aber der Ausflug in die 50er war spannend.

:stern
Meine verwendeten Bilder habe ich entweder selbst erstellt oder sie kommen von dieser Seite

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Re: Sharon Griffiths - Zeitreisen für Anfänger

Beitragvon DG7NCA / CAROLA » 26.11.2013, 11:52

Das Buch war teils Lustig Teils ernst. Hat sehr gut den Flair und die Soziologischen Gegebenheiten der fünfziger rüber gebracht. Vorallem was damals noch NICHT alltäglich war, nämlich die jetzige fast-Gleichheit der Geschlechter. Die Lage nach dem Krieg wurde auch gut dargestellt. Die Prota kam durch ihren 21.sten jahrhundert Hintergrund doch manchmal sehr über-emanziepiert daher, aber genau das zeigt die Entwicklung 50 Jahre dazwischen.
Die Auflösung der Zeitreise ist teilweise sehr gut gelungen, wobei die letzte Erklärung doch Geheimnis bleibt.
Jedenfalls hab ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen um es ganz zu lesen.

Ich gebe 4 gute von 5 Punkten

PS ich habs als ME gekauft daher ist bei mir Preis-Leistungsverhältnis unrelevant
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