Idas Scheinehe- Géza Gárdonyi

Liebesromane, die in der Vergangenheit spielen und in keine andere Kategorie passen

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Idas Scheinehe- Géza Gárdonyi

Beitragvon Anke » 06.03.2009, 22:37

Hallo zusammen,

ich möchte euch heute ein ganz besonderes Buch ans Herz legen "Idas Scheinehe". Das Buch ist kein Nackenbeißer. Er geht eindeutig in Richtung Jane Austen/Georgette Heyer. Ein sehr keuscher (das äußerste der Gefühle ist ein Handkuss) Liebesroman, aber einfach wunderschön.

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Idas Scheinehe
Géza Gárdonyi
Kortina 2008-09-15 Gebundene Ausgabe 467 Seiten


Klappentext

"Suche Ehemann für meine Tochter. Mitgift beträgt 300.000 Kronen in bar.“ Als der junge Maler Csaba diese Anzeige in der Zeitung liest, traut er erstmal seinen Augen nicht. Was muss dahinter stecken, wenn ein Vater seine Tochter quasi „verkauft“? Doch die Höhe der Mitgift gibt ihm zu denken: Die Spielschulden seines Schwagers haben seine Familie in den Ruin getrieben, nur mit diesem Geld könnte er sie retten. Die „verkaufte Braut“ entpuppt sich alsbald als die schöne und kühle Ida, die in einer Klosterschule aufgewachsen ist und ihrem Vater, einem Frauenhelden, zu Hause offenbar im Weg steht.

Quelle: Kortina

Meine Einschätzung

Ida ist, nach dem Tod ihrer Mutter, im Klosterinternat aufgewachsen, hat dort ihr Abitur gemacht und wartet nun endlich darauf, von ihrem Vater wieder nach Hause geholt zu werden. Bevor dieser aber auftaucht, fliegt Ida von der Schule, nachdem sie einer Schülerin dabei geholfen hat, einen heimlichen Liebesbrief zu behüten.

Für Ida ist das überhaupt kein Problem, denn auf diese Weise winkt nun endlich die Freiheit für sie. Zudem muss sie so zumindest nicht mehr warten bis ihr Vater kommt, der wie er ihr erklärt hat, nur noch eine geeignete Frauensperson von Stand sucht, die Ida als Art Gesellschafterin und mütterliche Begleitung dienen soll.

Als sie nach dem Verweis überraschend im Haus ihres Vaters steht, erwartet die streng erzogene und sehr behütet Ida ein Schock nach dem anderen.
Dabei ist sie dem Leben ihres Vaters, wie er es bisher nach dem Motto „Weib, Weib und Gesang“ geführt hat, entschieden im Wege und er ersinnt die Idee, Ida mithilfe einer Zeitungsannonce einen Ehemann zu suchen und sie so elegant und schnell wieder loszuwerden.

Das 1924 erschienene Buch „Ida regénye“ des ungarischen Autors Géza Gárdonyi ist vor allem ein wunderbares Sittenportrait der ungarische Gesellschaft aus dieser Zeit. Außerdem beinhaltet es eine, wie ich finde, zart romantische Liebesgeschichte, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, da sich die Liebe nur ganz vorsichtig und langsam entwickelt.

Ich empfand das Buch als nicht ganz so leicht zu lesen, was aber vermutlich mit dem altmodischen Schreibstil und der ein wenig damit verbundenen anderen Ausdruckweise zusammenhängt. Zudem bin ich nicht gerade ein Kenner der ungarischen Geschichte, Kunst oder Kultur. Und so klafften vor allem dort Wissenslücken auf, wo es um Namen von Schriftsteller und Künstler ging oder ihre Werke zitiert werden.
Aber ich möchte alle interessierten Leser bitten sich davon nicht abschrecken zu lassen, denn um die Geschichte von Ida und Csaba genießen zu können, sind diese Kenntnisse natürlich auch nicht von Nöten.

Die Figur der Ida ist eine starke und sehr sympathische Heldin. Obwohl geprägt von ihrer in gewissermaßen engstirnigen und einseitigen klösterlichen Erziehung hat sie einen gesunden Menschenversand entwickelt, sich den Traum von der einen Liebe bewahrt und dabei aber einen ganz enormen Drang nach Freiheit entwickelt. Auch wenn sie die Worte „Liebe und Freiheit“ ein wenig anders, viel bescheidener definiert, als ich es tun würde, ist sie einfach ein rundherum bewundernswerter Charakter.

Trotz der Sympathie hat es mich als modere Leserin und Frau des 21. Jahrhunderts doch immer wieder sehr gefordert mich in Ida hineinzuversetzen, sie wirklich zu verstehen. Das aber habe ich aber nicht als Mangel an der Geschichte verstanden, sondern als Herausforderung, die das Lesen umso faszinierender für mich gemacht hat.

Die Hauptprotagonistin Ida bestimmt zwar große Teile der Geschichte, aber nicht nur ihr Charakter hat mich auch im Nachhinein noch lange beschäftigt, sondern auch die anderen Protagonisten sind ganz wunderbar detailiert, lebendig und sehr fesselnd beschrieben.
Aber auch die Figur des Csaba, der Hauptprotagonist, kann ich einfach nur als faszinierend beschreiben. Obwohl er nicht so im Mittelpunkt der Geschichte steht, wie Ida, so hat der Autor doch sehr geschickt einen tiefgründigen und facettenreichen Charakter geschaffen.
Was für die Figuren gilt, gilt aber auch für die Umgebung oder die Stimmungen in den einzelnen Szenen. Wunderbar in anschaulichen und lebendigen Worten eingefangen, ist es ein Vergnügen sich von Géza Gárdonyis erzählerischem Talent gefangen zu nehmen.

Fazit: Eine Leseempfehlung für alle Romantiker, die noch an die wahre Liebe und das Gute im Menschen glauben.

5 von 5 Punkte


:stern
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Beitragvon mallory » 06.03.2009, 22:44

Mich hast du vorallem mit diesem Satz: "ein wunderbares Sittenportrait der ungarische Gesellschaft" neugierig gemacht :) Das klingt wirklich interessant.
Etwas Muße braucht der Mensch, eine Blume und ein Buch.
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Beitragvon SchneeMcKettrick » 06.03.2009, 22:51

Oh, da bin ich mal gespannt wie ihn Wildi finden wird. Hatte das Buch neulich vom Verlag im Briefkasten( du sicher auch*ggg*):)
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Beitragvon Anke » 06.03.2009, 22:53

mallory hat geschrieben:Mich hast du vorallem mit diesem Satz: "ein wunderbares Sittenportrait der ungarische Gesellschaft" neugierig gemacht :) Das klingt wirklich interessant.


Ja richtig. Ich musste auch gleich an dich denken, Mallory. Das ist bestimmt ein Buch das dir gefallen würde.

Liebe Grüße Anke
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Beitragvon Wildfee » 06.03.2009, 23:16

Jupp, hab den Roman hier liegen und werde wohl nächste Woche damit anfangen ;)
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Hat die Blume einen Knick, war die Hummel wohl zu dick.
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Beitragvon mallory » 07.03.2009, 19:45

Anke hat geschrieben:
mallory hat geschrieben:Mich hast du vorallem mit diesem Satz: "ein wunderbares Sittenportrait der ungarische Gesellschaft" neugierig gemacht :) Das klingt wirklich interessant.


Ja richtig. Ich musste auch gleich an dich denken, Mallory. Das ist bestimmt ein Buch das dir gefallen würde.

Liebe Grüße Anke


Dürfte ich da irgendwann mal leihweise auf dich zurückkommen, Anke. Wenn ich die vielen Wanderbücher hinter mir habe?
Etwas Muße braucht der Mensch, eine Blume und ein Buch.
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Beitragvon Wildfee » 10.03.2009, 11:50

Meine Meinung:
Man merkt es dem Roman an, das er vor mehr als 80 Jahren geschrieben wurde. Allerdings macht grade das den Roman zu einer Entdeckung für all diejenigen, die einen guten historischen Roman zu schätzen wissen. Den Roman sollte man meines Erachtens nach deswegen mit einer gewissen Distanz lesen, da zumindest bei der weiblichen Hauptfigur die Identifikation schwerfällt. Zumindest dann, wenn man nicht die letzten Jahre in einem abgelegenen und weltfremden Kloster verbracht hat.
Ida und Csaba sind nichtsdestotrotz wundervoll gezeichnete Protagonisten, Gárdonyi versteht es meisterhaft durch kleine Andeutungen und Nebensätze ganze Gedankenbilder entstehen zu lassen.
Der Roman ist dementsprechend auch größtenteils ein Roman der leisen Töne und Gesten. Ausgenommen davon sind die köstlichen Wortgefechte zwischen den beiden Hauptfiguren. Würde man diese in die moderne Sprache übersetzen, hätte man die schönsten Dialoge für einen typischen Liebesroman.
Dennoch ist der Roman in meinen Augen kein Liebesroman. Die Romantik im Roman ist die der ganz leisen Töne und meiner Meinung nach kommt die eigentliche Liebesgeschichte erst im Kopf des Lesers zu Stande, nämlich dann, wenn die Geschichte des Buches zu Ende erzählt ist und die Vorstellungskraft des Lesers aktiv wird.
Das ist wohl der kleine Funken Magie, der ein Buch richtig gut macht.
Dennoch gibt es einen Punktabzug: Mir persönlich waren einige Passagen im Buch einfach zu langatmig, manche Dinge zu detailliert beschrieben und kaugummiartig in die Länge gezogen.
Summa Summarum ein Buch, das für all diejenigen in Frage kommt, die keine Erotikszenen in einem Buch lesen wollen, historische Romane aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts mögen und sich mit einem älteren Sprachstil anfreunden können.

Meine Wertung:
8 von 10
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Hat die Blume einen Knick, war die Hummel wohl zu dick.
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Beitragvon Gipsy » 11.03.2009, 13:50

Danke, danke, danke für diesen tollen Tipp :D

Das ist genau das Buch, das ich gesucht habe!

Zum ersten: Ungarn!!!

Dann liebe ich den Vernunft-Ehe-Plot.

Und gerade bei historischen Romanen mag ich es gerne, wenn das Gesellschaftsbild im Vordergrund steht.

Und mit der Erwähnung von Georgette Heyer und Jane Austen wurde es zu einer Unmöglichkeit, das Buch NICHT zu bestellen ;)

Ich freu mich schon sehr aufs Lesen :D
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